Welcome to Idaho
Heute haben wir einen Campingplatz mit WLAN! Gestern Abend haben wir schon neue Karten heruntergeladen und fleissig recherchiert, heute Morgen geht es noch ein bisschen so weiter. Also wenigstens bei Simone, Marco braucht heute einen Ausschlaf-Morgen. Wir essen einen späten Frühstücksbrunch. Nach ein bisschen Beobachten, wie andere ihre Camper und amerikanischen Wohnwagen fahrtauglich machen (die haben Regenrinnen dabei, damit der Abwasserschlauch ein Gefälle hat und sie sich die Hände nicht am Dreckwasser schmutzig machen müssen!), brechen wir um drei vor zwölf auf.
Heute müssen wir nochmals weit fahren und das ohne irgendwelche Scenic Stops unterwegs, wir brettern einfach durch die Einöde ostwärts. Unser Ziel ist Boise, die Hauptstadt des Bundesstaats Idaho. Wir fahren den ganzen Nachmittag und überqueren eine Zeitzonengrenze, wodurch wir wieder eine Stunde näher an die Schweizer Zeit rücken und nur noch acht Stunden hintendrein sind. Die Route ist wirklich nicht sehr abwechslungsreich, aber immerhin erleben wir ungefähr alle erdenklichen Geschwindigkeitslimiten, fahren durch ein paar Ortschaften, die vermutlich direkt aus einem Western-Film gefallen sind, überqueren Pässe mit Kettenpflicht, die aber zum Glück nicht verschneit sind und fahren auf weiten Strecken einfach schnurgerade dem Horizont entgegen. Wir sehen auch viele grosse Rinderherden, aber sie stehen alle auf grünen Wiesen, nicht zusammengepfercht auf Dreck, wie Simone sich das aus Filmen wie “An inconvenient Truth” vorgestellt hat.
Schliesslich erreichen wir Boise über den Highway und fahren direkt in die Stadt hinein auf einen Parkplatz gleich ausserhalb des Zentrums im Green Belt der Stadt. In diesem Park wird fleissig flaniert, Fussball gespielt und die Eichhörnchen bewachen unseren Camper.
Wir steigen aus und gleich wieder ein, um kurze Hosen anzuziehen; hier ist es richtig warm! Dann gehts zu Fuss los ins Zentrum. Beim Loslaufen merken wir, dass die Energie ziemlich am Ende ist und wir dringend etwas essen müssen. Also probieren wir die nächste FastFood-Kette auf unserer Liste aus: Five Guys! Wir bestellen hungrig, und zum Glück macht uns die nette Dame an der Kasse darauf aufmerksam, dass die Regular Size Pommes für 2-3 Personen ausreichen. Wir bestellen also ganz vernünftig nur eine Portion. Wir warten einen Moment, denn die Burger werden frisch gemacht, und schweben dann im Burgerhimmel; hier waren wir nicht zum letzten Mal!
Frisch gestärkt spazieren wir durch die Fussgängerzone und atmen auf; keine Obdachlosen an jeder Ecke, wir fügen uns hier gut in den Menschenstrom ein und geniessen die fröhliche Freitagabendstimmung. Die Stadt gefällt uns sehr, sie hat nebst den grünen Pärken auch noch einige ausgefallene Gebäude, es wirkt schon fast ein bisschen europäisch hier.
Wie uns Martin empfohlen hat, gehen wir uns noch das Capitol anschauen und sind überrascht über die Bauweise; sie können hier also doch Gebäude aus Gestein bauen!
Vor dem Capitol singt ein Gitarrist für den Frieden in Palestina. Er wirkt etwas einsam da auf der grossen Treppe. Bald gesellt sich eine Trump-Anhängerin im Ganzkörperkostüm zu ihm und singt schrill ziemlich laut immer wieder “Long Live America” dazwischen. Da radelt ein Trupp junger Leute auf einem Biermobil vors Capitol. Sie jubeln der Dame zu; danach singt sie noch lauter. Dem Gitarristen wird es irgendwann zu bunt und er zieht von dannen. Die chinesischen Touristen scheint der Trubel nicht zu interessieren. Die Interpretation dieser Metapher für die amerikanische Politik bleibt dem Leser überlassen…
Als es nichts mehr zu beobachten gibt, setzen wir unsere Runde fort und schlendern zurück zum Camper. Bald wird es dunkel und wir suchen uns einen Parkplatz für die Nacht. Simone hat das Boondocking erlickt und möchte unbedingt gratis parkieren. Also klappern wir die Kundenparkplätze von Home Depot und Costco ab, nirgends hat es Verbotsschilder fürs Overnight-Parkieren, aber irgendwie ist es uns doch ein wenig suspekt. Bei Costco beschliessen wir, noch kurz ein Shampoo zu kaufen, bevor wir weiterfahren. Wir betreten den Laden und finden uns in einer Halle wieder, so einen grossen Laden hat Simone in ihrem Leben noch nie gesehen. Aussen an den Wänden hat es Hochregallager wie bei Ikea in der Selbstbedienungshalle, in der Mitte sind Kleidertürme aufgebaut, von jeder ausgestellten Jacke hat es sicher sechzig Exemplare, und die Medikamente sind auf Paletten (!) ausgestellt. Melatonin für Kinder gibt es als Gummibärchen… Na ja.
Die Apothekenabteilung
Wir finden einen Pack mit 12 Gipfeli für 6 Dollar, das scheint uns ein guter Deal, aber Shampoo kaufen wir definitiv nicht, das kriegt man hier nur in Hektoliter-Gebinden! An der Kasse schliesslich möchte die Kassiererin unsere Kundenkarte sehen, die wir natürlich nicht haben, und sie erklärt uns ganz geduldig, dass sie uns so nichts verkaufen kann. Also lassen wir die Gipfeli mit Bedauern an der Kasse liegen, sind aber heilfroh, dass wir nicht in Kaufrausch gekommen sind. Wir amüsieren uns beim Herausgehen; die einzigen ohne Einkaufswagen, die einzigen ohne Kundenkarte und die einzigen mit einem riesigen Camper auf dem Parkplatz. Aber ein Erlebnis wars allemal!
Wir fahren durch die stockdunkle Nacht auf die nächste Raststätte auf der Autobahn und boondocken dort zwischen riesigen Lastwagen und herumstehenden Mulden. Simone fühlt sich pudelwohl, nur Marco ist das Campieren abseits von Campingplätzen immer noch nicht so geheuer. Wir müssen wohl zuerst noch ein paar positive Erlebnisse machen… In diesem Sinne, gute Nacht!