Raubvögel und Erdspalten
Lustigerweise schläft Marco wie ein Baby diese Nacht, während Simone regelmässig aufschreckt, wenn wieder ein Lastwagen um unseren Camper herum losbraust oder schnittig heranfährt um zu parkieren. Aber es schickt uns niemand weg oder klopft mitten in der Nacht an die Tür, das Boondocken hat wieder wunderbar geklappt. Am Morgen danach scheint die Sonne und vor Tatendrang hält es Simone nicht mehr im Bett. Heute steht ein Besuch in der Wanderfalken-Stiftung an; es ist ein grosses Zentrum für Raubvögel, das sich der Zucht und Auswilderung von Wanderfalken und Kondoren verpflichtet hat und eine hübsche Einrichtung mit ein paar eingesperrten Raubvögeln betreibt. Nur die Zuchtstation kann man leider nicht besichtigen. Gestern Abend haben wir noch das allerletzte Ticket für die um elf Uhr startende und ausverkaufte Fall-Flights Show im Internet ergattert. Zuerst war Simone mega enttäuscht, ein Ticket reicht ja nicht für beide… Aber sie hat einen Bittibätti-Kommentar von wegen Honeymoon und letzter Tag in Boise mitgeschickt und darum probieren wir unser Glück.
Eine Stunde zu früh stehen wir schon auf der Matte und stellen uns auf grosse Erklärungen und Argumentationen an der Kasse ein, aber die Ticket-Kontrolleurin sagt nur, dass der Chef uns schon angekündigt hat und verkauft uns freudig ein Ticket mehr als sie eigentlich Sitzplätze haben. Innerlicher Jubel und Triumph bei Simone, und das kann auch fremder über den Jackenärmel ausgeschütteter Kaffee nicht trüben. Wir setzen uns in die Amphitheater-Arena und geniessen das Spektakel mit dem ganzen Voraus-Geplappere. Um Punkt elf gehts los, niemand kommt später noch rein und niemand darf während der Show aufstehen, das ist uns nach der ersten halben Stunde Einführung sonnenklar. Drei Trainierinnen erklären viel zu den sechs Greifvögeln, die uns in der nächsten halben Stunde über die Köpfe fliegen und wir sind fasziniert, natürlich vor allem von den grossen Geiern und Falken (Adler waren leider keine dabei, dazu müssen wir wohl mal noch in den Jura).
Nach der Show blicken wir vom Look-Out auf der Anhöhe aus auf die Stadt Boise zurück. In der Ferne sehen wir zwei Waldbrände und Löschflugzeuge, die ständig wieder hochfliegen. Wir wundern uns, dass es bei diesem trockenen Gras nicht noch mehr Brandherde hat…
Nach dem Spaziergang haben sich die 300 Besucher etwas verteilt und wir sehen uns in Ruhe die Volièren und Infotafeln an; die Vögel haben für unseren Geschmack nicht gerade üppig Platz, aber wenn sie jeden Tag in der Show etas herumfliegen dürfen, dann ist das vermutlich in Ordnung. Schilder erklären uns auch, dass diese paar Vögel nicht mehr lebensfähig wären in der Wildnis und nun als Botschafter fungieren, damit wir Menschen sie besser verstehen lernen und so ihre Freunde werden statt ihre Feinde… alles sehr amerikanisch.
Im Souvenirshop schmöckern wir in Ruhe durch, aber kaufen schliesslich doch nichts, dann setzen wir uns vor der Weiterfahrt auf dem inzwischen leeren Parkplatz in unsere Campingstühle und essen Zmittag.
Schliesslich stellen wir das Navi ein und fahren auf die Autobahn. Unser Vehikel schafft tatsächlich 80 Meilen pro Stunde, dröhnt dabei aber sehr laut, so dass wir das Hörbuch sehr laut einstellen müssen, damit wir der Geschichte noch folgen können. Wir fahren über die Ebene und halten kurz bei der Malad Gorge an, eine der Schluchten, die die Flüsse hier in die Erde gegraben haben.
Oben Autobahnbrücke mit Truck als Grössenmassstab
Kurz vor der nächsten Spalte, bei Twin Falls, biegen wir auf den herausgesuchten Stellplatz ab. Es hat tatsächlich noch Platz und wir stellen uns hier für die Nacht auf. Leicht erhöht, mit Blick über die Steppe und auf Twin Falls.
Marco kann es nicht lassen, in der Abendsonne noch einen Spaziergang bis zur Schlucht und der eindrücklichen Brücke zu machen.
Wir kochen uns einen etwas lustigen Znacht, marinierter Tofu mit Essigkurken und Salat gespickt mit Früchten und Beeren. Alle Einzelkomponenten dünken uns sehr gut, aber wir sind bis zum letzten Bissen nicht sicher, wie gut alles zusammenpasst. Schliesslich legen wir uns mit Blick auf das Lichtermeer und viel weniger Lärm auf den Ohren als letzte Nacht in unser Bett.