Widmers unterwegs

Dienstag, 8. Oktober 2024

Welcome to Yellowstone

Heute Morgen frühstücken wir in Ruhe auf unserem KOA-Campingplatz (Simone ist definitiv auf Müesli umgestiegen, sie kann das labbrige Toastbrot nicht mehr sehen und riechen!). Dann lassen wir das Duschwasser ab, um für die nächsten Tage mit leeren Abwasser- und vollen Frischwassertanks für alles gewappnet zu sein (wir fahren schliesslich in die Wildnis!), und dann gehts los.

Auf pfeifengeraden Strassen düsen wir mit Trucks vor und hinter uns über eine grosse Ebene, in der früher Atomkraftwerke entwickelt wurden, bis nach Idaho Falls. Hier legen wir bei Wallmart einen Zwischenstopp ein. Wie erwähnt gehts bald ab in die Wildnis, da soll uns weder der Plastikkäse, das Pappebrot noch das WC-Papier ausgehen! Wir kaufen ein, was wir für die nächsten Tage so brauchen. Die Kassiererin wäre in der Schweiz sicher schon lange in Rente und kann mit ihren von Arthritis geplagten Fingern kaum unsere passierten Tomaten vom Förderband hochheben. Am Aushang, wo man bei Migros eine Wohnung finden oder ein altes Sofa bekommen kann, hängen hier Vermisst-Anzeigen von Kindern aus der weiterem Umgebung. Und wenn man das Wägeli aus dem Laden herausschiebt, muss man sich bei einem weiteren Greis einen Chribel auf der Quittung machen lassen. Er macht den ganzen Tag nichts anders, steht mit einem Stift in der Hand an seinem Tischli und wartet auf die Einkaufswägen. Es ist zwar auch ein entwickeltes Land, doch ganz eine andere Welt hier…

Nachdem wir alles im Camper verstaut haben, gönnen wir uns ein asiatisches Mittagessen bei Panda Express und dann fahren wir weiter nach Norden.

Irgendwann verändert sich die Steppenlandschaft um uns herum und wird zu einer waldigen Berglandschaft. Wir fahren kurz in unseren vierten Bundesstaat Montana hinein und tanken nochmals teures Benzin in der Ortschaft West Yellowstone. Unsere Halts an der Tankstelle dauern immer sicher eine Viertelstunde, und so lange besetzen wir auch die Zapfsäule (zum Glück hat es hier immer so viele!). Erstmal müssen wir die Batterie im Camper ausschalten. Dann dauert eine Tankfüllung bei unserer Tankgrösse ziemlich lange. Zudem ist meist der Zapfhahn ziemlich widerspensig und lässt sich immer erst nach vielen Versuchen einrasten, damit man ihn nicht die ganze Zeit halten muss. Parallel dazu müssen wir jedes Mal die Frontscheibe gründlich putzen (unsere Scheibenwischer taugen nicht viel) und von gefühlt tausend toten kleinen Fliegen, Wespen und anderem Fliegegetier befreien (eigentlich sieht die ganze Camperfront so schrecklich aus, aber unten an der Stossstange und an den Seitenspiegeln versperrt es uns nicht die Sicht!). Simone schafft das nie ganz alleine, denn die Scheibe ist so hoch, dass in der Mitte nur Marco rankommt. Manchmal muss jemand noch kurz aufs WC, und so weiter… :)

Eigentlich “entering”, aber das steht auf der anderen Seite…

Nach erfolgreicher Tankfüllung fahren wir dann ganz euphorisch in den Yellowstone-Nationalpark hinein. Am Eingang zeigen wir stolz unseren Jahrespass, den wir von Marcos Team zur Hochzeit geschenkt bekommen haben, und fahren dann mit Karte und Broschüren ausgestattet los in die Wildnis. Gleichzeitig verlassen wir Montana schon wieder und fahren in den Bundesstaat Wyoming. Leider ist es Abend geworden, bis wir hier angekommen sind, aber wir halten an allen schönen Aussichtspunkten an und mit dem Feldstecher machen wir in der wunderbaren Abendsonne Hirsche und Bisons in der Ferne aus. Noch nicht nahe genug für ein Foto, aber das schaffen wir dann vielleicht morgen!

Die drei dunken Punkte hinten rechts in der Wiese sind Bisons

Wir sehen auch schon erste Geysire und finden eine ganze Landschaft mit vielen heissen Quellen und Fontänen und schnüffeln den Schwefelduft in der Luft.

Als es eindunkelt, wollen wir uns einen Parkplatz zum Übernachten suchen. Da merken wir plötzlich besorgt, dass das noch schwierig werden könnte. Parkieren über Nacht ist nur auf Campinplätzen erlaubt im Park. Da muss man telefonisch reservieren, die Infobroschüre warnt uns vor, dass man das am besten bis zu einem Jahr (!) im Voraus macht. Und wir haben natürlich kein Netz mitten im Park… Schliesslich fahren wir den nächsten Campingplatz auf gut Glück einfach mal an, aber schon am Eingang steht, dass er ausgebucht ist. Dabei sind wir doch in der Nebensaison unterwegs! Und wir wollen nicht mal Wasser oder Strom, nur die Erlaubnis, irgendwo den Camper über Nacht stehen zu lassen. Na ja, wir facklen nicht mehr lange sondern fahren halt wieder alles zurück und aus dem Park hinaus. Wir haben Glück, wenigstens die Eingangstore scheinen 24h geöffnet zu sein. Kurz haben wir uns nämlich gefragt, ob wir nun im Park stecken bleiben ohne Übernachtungserlaubnis, denn es ist inzwischen stockdunkel geworden.

Zurück in West Yellowstone haben wir sogar wieder Internet und finden hier noch freie Campingplätze, aber für 160 Dollar pro Nacht. Hupts noch? Wir brauchen ja eigentlich gar nichts! Nach einer kurzen Internetrecherche stossen wir auf eine letzte Möglichkeit, bevor wir 40 Meilen fahren müssen zum nächsten bezahlbaren Stellplatz. Etwas ausserhalb des Dorfes hat es einen Truckstop (kennen wir das nicht schon von irgendwo?). Wir sehen uns das mal an, und tatsächlich stehen da noch andere Camper und Autos im Dunkeln auf dem Parkplatz. Wir gesellen uns dazu, schalten nur unsere Sparlampe ein und verbringen wohl wieder einmal eine Nacht neben laufenden LKW-Motoren… Vielleicht gewöhnt sich Simone auch noch daran, und immerhin hält das hoffentlich die Grizzlys fern. Und allem voran haben wir es morgen früh dann mega nahe wieder in den Park hinein! Die Übernachtung der nächsten Tage müssen wir aber etwas besser planen, denn im Park ist der nächste freie Platz erst am kommenden Samstag zu haben; bis dann sind wir schon über alle Berge!