Musiktag
Heute Morgen wundern wir uns, wie warm es ist, als wir die Nase unter der Decke hervorstrecken! Unser luxuriöser Campingplatz bietet sogar inkludiertes Frühstück und so machen wir uns nach Marcos obligater Morgendusche auf den Weg zum Campsite Shop. Dort steht eine Pancake-Maschine. Sie enthält einen Beutel mit Pancake-Teig. Man wählt die gewünschte Anzahl Pancakes, dann fällt ein Teigpflüder nach dem anderen auf ein Förderband und wird langsam durch eine heisse Walze geschoben; am anderen Ende kommen gebratene Pancakes heraus. Das Ganze braucht etwas Geduld, aber es ist faszinierend zum Zuschauen! Weil die Maschine eine Fehlermeldung anzeigt, werden wir gleich noch Zeugen davon, wie der Pancake-Bag ausgetauscht wird. Als wir unseren Stapel Teigscheiben beisammen haben und grosszügig Maple Syrup dazwischen geleert haben, setzen wir uns mit einem heissem Tee draussen an die Sonne auf ein Bänkli.
Nach dem süssen Frühstück nehmen wir wieder das Trämli in die Stadt, den heutigen Morgen widmen wir dem Temple Square. Wenn wir schon mal hier sind, wollen wir uns die hier stehenden imposanten Gebäude anschauen und einen Einblick in die Kultur der Mormonen erhalten. Sie machen es einem hier auch einfach; sowohl junge Mormomen als auch pensionierte verüben einen Missionsdienst und auf dem ganzen Gelände sind überall Menschen mit Schildern angeschrieben, die einem gerne behilflich sind, den Weg erklären oder auch etwas über sich und ihre Glaubensgemeinschaft erzählen. Der eigentliche Temple, die Kirche, wird seit Jahren renoviert und ist nicht zugänglich. Aber neben der riesigen Baustelle hat es noch zahlreiche andere Gebäude, die offen sind.
Als Erstes wenden wir uns der FamilySearch Library zu. Anscheinend ist dies die grösste Ahnenforschungsbibliothek der Welt, denn Mormomen sind sehr familienorientiert und sie glauben, dass Familien über den Tod hinaus verbunden bleiben. Beim Hereinkommen werden wir gleich begrüsst und nach einem kurzen Wortwechsel in den unteren Stock geschickt, dort befindet sich die internationale Abteilung. Wir finden uns in einem Raum voller Computer wieder. Hier werden wir an den nächsten Missionar übergeben, der uns an einen Computer führt und das Programm erklärt. Bald stösst auch schon Greg Widmer dazu. Er ist hoch erfreut, dass wir auch Widmer heissen. Greg war vor knapp 20 Jahren in der Schweiz auf Spurensuche seiner Vorgänger, denn seine Familie kommt ursprünglich aus dem Kiental. Er hilft uns gerne, all die Adolf Widmers, die Marco vorangegangen sind, im System zu suchen. Das System stellt unzählige Geburts- Eheschliessungs- und Todesfallauszüge aus aller Welt gescannt zur Verfügung und wir finden einen der Adolfs und seine Schwester Anna, die in Degersheim SG getauft wurden, inkl. Scan des Taufregisters. Greg erzählt, dass er seine Familie in einer Linie bis irgendwo zwischen 1500 und 1600 zurückverfolgen kann. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit, aber Marco ist motiviert, bei nächster Gelegenheit von zu Hause aus noch etwas weiterzuforschen. Wenn man Glück hat und einen Verwandten vor 1874 findet, gibt es den Datenschutz sozusagen nicht mehr und alle Daten sind öffentlich zugänglich. Die Mitarbeiter dieser Bibliothek haben davon grosse Teile in ihr System eingepflegt.
Wir verabschieden uns herzlich und stolpern ein Haus weiter in den Tabernakel. Von aussen eher unscheinbar, ist es von innen eine Konzerthalle mit exzellenter Akkustik. Jeden Mittag um 12 Uhr findet hier ein Orgelkonzert statt, und auf dieses zielen wir heute ab. Die Organistin kündigt sich gleich selber an und lässt zuerst auf dem Rednerpult eine Stecknadel und einen Nagel fallen, um zu demonstrieren, dass man beides bis nach hinten hört. Dann beginnt sie auf der Orgel mit ihren über 11'000 Pfeifen (!) zu spielen und es ist wirklich sehr eindrücklich. Natürlich Geschmackssache, Simone gefallen Orgelkonzerte eigentlich nicht so gut, immer alles so trist, melancholisch, laut und nicht so präzise, es ist eher ein Geräuschteppich. Aber die Orgel ist wegen ihrer Grösse beeindruckend und die Organisitin wegen ihrem Können. Nur das Beleuchtungskonzept der Orgel könnte man bei Gelegenheit einmal neu überdenken, das finden wir ganz schrecklich.
Nach einer halben Stunde ist das Konzert vorbei. Wir begeben uns ins Convention Center, um die Runde über das Square abzuschliessen und bestaunen dort vor allem den grossen Saal, in dem 21'000 Personen (!) Platz finden. In diesem Ausmass genutzt wird er nur alle 6 Monate zur Vollversammlung der Mitglieder, wenn wir das richtig verstanden haben. Wir müssen lange hier stehen und die unzähligen Stuhlreihen anschauen, es ist einfach reisig.
Bald knurrt uns der Magen, dieses amerikanische Frühstück hält einfach nicht sehr lange hin (sorry, dass wir hier immer etwas meckern über die Kulinarik. Aber es ist wirklich so, wie wir uns das zu Hause vorgestellt haben…). Wir kehren nochmals in die City Creek Mall zurück, wo wir gestern an einem Food Court vorbeigekommen sind. Simone isst griechisch, Marco, wen wunderts noch, wieder einmal Hamburger mit Pommes. Dieses Mal von Chick-Fil-A, mit paniertem Poulet-Patty.
Nach der Stärkung spazieren wir noch etwas durch die Stadt und stecken unsere Nasen kurz ins Planetarium. Die Ausstellung ist wieder gratis, irgendwie scheint das hier in Salt Lake City so ein Ding zu sein. Es ist wie ein (sehr) kleines Technorama. Wir bestaunen die riesige Kugelbahn, landen in einer Computeranimation irgendwelche Satelliten auf einem Mond und dann haben wirs gesehen und machen uns auf den Rückweg zum Campingplatz.
Heute Abend haben wir noch etwas Spezielles vor: wir gehen an ein Imagine Dragons Konzert. Vor zwei Tagen haben wir irgendwie per Zufall rausgefunden, dass sie heute hier in Salt Lake City auftreten und noch Tickets zu haben sind. Also haben wir kurzerhand welche gekauft. Das Konzert startet um 19h und wir haben lange recherchiert, wie wir zur Venue kommen… Aber mit dem ÖV ist es unmöglich und wir dachten, dass ein Taxi zu bestellen bei so vielen Menschen auch nicht gerade einfach ist. Also haben wir uns für die letzte Option entschieden: wir fahren mit dem Camper ans Konzert! Im Internet steht nichts davon, dass solche Vehikel auf dem Parkplatz nicht willkommen sind, also gehen wir einfach genug früh und schauen uns vor Ort die Parkplatzsituation an. Das Ganze läuft wie am Schnürchen und auf dem Festivalparkplatz weisen sie uns kommentarlos ein. Ganz erstaunt sind wir nun viel zu früh hier, also machen wir es uns noch etwas im Camper gemütlich, packen dann in aller Ruhe unsere Sachen und als die Tore öffnen, sehen wir uns den Ort einmal von nahe an.
Die Bühne ist in einer Senke aufgebaut, die Zuschauer sind wie in einem Amphitheater in einem Halbkreis mit leichtem Gefälle angeordnet. Was uns erstaunt: auf der Wiese tummeln sich Familien mit Kindern und alle haben ihre Picknickdecken dabei und machen es sich gemütlich.
Wir haben unsere Sitzkissen dabei und machen es uns auch bequem. Die Vorband ist nicht so ganz unsers, aber als Imagine Dragons dann auftreten, ist die Stimmung am Kochen. Die Band wurde hier in Utah gegründet, auch wenn sie jetzt in Las Vegas zu Hause sind, aber man spürt, dass hier viele Zuschauer von Anfang an unter den Fans waren. Wir kennen natürlich längstens nicht alle Songs, nur die paar bekanntesten, aber als wir hier inmitten der singenden und tanzenden Amerikaner Arm in Arm dastehen, wird uns so richtig bewusst, welch ein Privileg wir mit unserer Reise geniessen dürfen. Wir können einfach spontan von einem Abenteuer ins nächste stolpern, unternehmen was wir wollen und diese ganze Zeit zusammen geniessen <3
Als das Konzert fertig ist, huschen wir zurück zum Camper und stehen dann mit allen anderen in einer ultimativen Blechlawine aus roten Lichtern. Nach 15 Minuten haben wirs aus dem Parkplatz heraus geschafft und fahren zurück zum Campingplatz, wo wir ganz leise abends um elf wieder auf den Platz rollen, gekonnt rückwärts einparkieren, uns wieder andocken und dann zufrieden ins Bett fallen.